Tagebuch eines Zweijährigen

  • 8:10 Uhr
    Kölnisch Wasser auf den Teppich gespritzt. Riecht fein. Mama böse. Kölnisch Wasser ist verboten!


    8:45 Uhr
    Papas Feuerzeug in den Kaffee geworfen. Prügel gekriegt.


    9:00 Uhr
    In der Küche gewesen. Wollte sie untersuchen. Rausgeflogen. Küche ist verboten!


    9:15 Uhr
    In Papas Arbeitszimmer gewesen. Bücher hervorgerissen. Rausgeflogen. Arbeitszimmer ist auch verboten!


    9:30 Uhr
    Schrankschlüssel abgezogen. Mama wußte nicht, wo er war. Ich auch nicht. Böser Hansi. Klaps auf das Händchen. Schlüssel verboten!


    10:00 Uhr
    Rotstift gefunden. Tapete bemalt. Ist verboten!


    10:20 Uhr
    Stricknadeln aus Strickzeug gezogen und krummgebogen. Zweite Stricknadel in Sofa gesteckt. Stricknadeln sind verboten!


    10:40 Uhr
    Zeitung gefunden. Knistert so schön, wenn man sie zerreißt. Verboten!


    11:00 Uhr
    Sollte Milch trinken. Wollte aber Wasser. Wutgebrüll ausgestoßen. Prügel gekriegt.


    11:10 Uhr
    Hose naß gemacht. Prügel gekriegt. Naßmachen ist verboten!


    11:30 Uhr
    Zigaretten gefunden. Zerbrochen. Tabak drin. Schmeckt nicht gut. Nur für Mama, für Hansi verboten!


    11:45 Uhr
    Tausendfüßler bis unter Mauer verfolgt. Dort Kellerassel gefunden. Schmeckt interessant. Aber verboten!


    12:30 Uhr
    Salat ausgespuckt. Ungenießbar. Ausspucken verboten!


    12:35 Uhr
    Baden. Zog unten. Zipfelchen am Körper. Verboten! Klaps auf das Händchen.


    12:46 Uhr
    Tunkte Händchen ins Töpfchen. Mama schrie pfui! Strengstens verboten!


    13:50 Uhr
    Mittagsruhe im Bett. Nicht geschlafen. Aufgestanden und auf Deckbett gesessen. Gefroren. Frieren verboten!


    14:45 Uhr
    Tischtuch weggezogen. Aschenbecher zerschlug. Tönte hell. Tischtuch verboten!


    14:50 Uhr
    Nachgedacht. Festgestellt, dass alles verboten ist. Wozu ist man überhaupt auf der Welt?

    Ich weiß nicht, wer oder was ich bin. Ich weiß nur, dass ich tue, was ich tun muß, nicht mehr und nicht weniger.


    Zitat aus "Gildenhaus Thendara", Dritter Teil, Ende 3. Kapitel