Moin Webbie,
Das Hauptproblem ist, daß das Mädel zunächst einmal kapieren muß, daß sie Opfer und nicht Täter ist. Leider ist es bei derartigen Vorfällen meistens so, daß die Opfer sich selbst die Hauptschuld zuweisen und deshalb auch Hemmungen haben, professionelle Hilfe anzunehmen, zumal wenn es sich um Familienangehörige handelt. Die Frauen haben meistens Angst, daß man sie aus der Familie verstößt und mit dem Finger auf sie zeigt, wenn es herauskommt. Gerade wenn ein Familienmitglied der Täter ist, dann ist die Situation besonders schwierig, da in den meisten Familien die Männer das sagen haben und man ihr seitens anderer Familienmitglieder nie glauben würde, jedenfalls wird sich kaum jemand trauen, zu ihr zu stehen.
Ich sehe die einzige Lösung darin, daß du das bisher erreichte Vertrauen weiter festigsst und versuchcst sie auf den richtigen Weg zu lenken. Dazu gehört auch, daß du mehhr über sie erfährst, wer sie ist und wie du sie erreichen kannst. Frag sie ruhig gezielt nach ihrer Telefonnummer, begründe es damit, daß du Angst hast, daß ihr mehr passiert und du sie notfalls anrufen möchtest, wenn sie sich länger nicht bei dir meldet. Es ist schwer zu beschreiben, aber man kann bei ihr garantiert etwas erreichen, wenn man geschickt vorgeht - auch wenn es zunächst nur die Telefonnummer ist.
Du brauchst das persönliche Gespräch, auch wenn du meinst, daß du sie durch das Forum/MSN einschätzen kannst. Du liest dort nur geschriebenen Text, wahre Emotionen kannst du daraus aber nicht verbindlich ablesen. Wenn sie gut ist, schreibt sie dir die spannensten und auch traurigsten Geschichten - und lackiert sich nebenbei die Fingernägel. Du kannst sicherlich schriftlich etwas erreichen, aber du wirst dir nie sicher sein können, ob sie dich nicht doch nur verar....
Wichtig ist, daß du möglichst viel über sie erfährst und gleichzeitig Distanz bewarst. Wenn es alles so ist wie sie schreibt, dann mußt du die Sache emotionslos angehen. Auch wenn es hart klingt, aber am besten ist eine gewisse "Live or let die"-Einstellung. Wenn sich jemand ernsthaft das Leben nehmen will, dann kann es niemand verhindern (außer vielleicht in einer geschlossenen Anstalt). Man kann (und muß) aber drüber reden und es gibt bei jedem Menschen einen wunden Punkt, den muß man halt finden. Sie ist jung, von daher wird sie sicherlich noch keine Kinder haben - das wäre so ein Punkt mit dem man eigentlich jeden bekommt, der Suizidgedanken hat. Oft geht es aber auch über die Mutter, Geschwister, den Hund, was weiß ich. Aber es geht nur im persönlichen Gespräch, man muß schnelle reaktionen fordern und bekommen. Der Mensch darf nicht viel nachdenken was er auf Fragen antwortet, es muß aus dem inneren kommen. Aussprechen lassen kann dabei ebenso wichtig sein, wie gezielt unterbrechen, das Thema umlenken - das alles geht schriftlich nicht. Es ist aber sehr wichtig, daß man so noch weiter an die Person herankommt.
Genauso wichtig ist, daß man selbst nicht zerbricht, wenn die Person stark ist oder schlimmer alle Hilfsversuche erfolglos waren = live or let die. Das klingt jetzt sicher makaber, aber man kann nur helfen, wenn man sich nicht selbst zum Betroffenen macht.
Mehr Rat kann ich dir im Moment nicht geben. Du kannst mich aber gerne anrufen und auch ihr die Nummer geben. Schreib ihr doch einfach mal was du über mich weißt, auch was ich beruflich mache - und sag ihr, daß ich mich gerne einmal mit ihr unterhalten würde, wenn sie mag. Es wäre in jedem Fall privat und doch vielleicht an einer besseren Stelle als bei dir, da ich schon öfter mit solchen Situationen zu tun hatte und wohl auch mehr Fachwissen habe - außerdem habe ich garantiert diese "live or let die"-Einstellung, die dir glaube ich fehlt (das mußt du ihr aber nicht schreiben).
G.a.d.M.
Ronald